Was ist gute Aquakultur? << zurück

Die Fischzucht

In der Aquakultur gibt es im Leben eines Wassertieres prinzipiell zwei Stadien: Brut und Abwachs. In der Brutanlage werden unter (künstlichen) Bedingungen die Fortpflanzung, das Schlüpfen und das Heranwachsen kontrolliert (1). Was bedeutet dies in der Praxis?

Der Brutprozess beginnt in der Aquakultur heutzutage damit, dass bevorzugte Charakteristiken/ Eigenschaften der Brut identifiziert und diese dazu genutzt werden, die Auswahl von ähnlichen Charakteristiken/ Eigenschaften bei den erwachsenen (Eltern-) Tieren zu vereinfachen. Die erwachsenen (Eltern-) Tiere werden „Brutstock“ genannt. Die Auswahl der gleichen bevorzugten Charakteristiken oder Eigenschaften des Brutstocks über einen ausgedehnten Zeitraum wird „selektive Zucht“ genannt. Die selektive Zucht wird in der Landwirtschaft (und in der Landtierzucht) seit Jahrhunderten angewendet, um viele der heutigen Früchte und Gemüsearten (und domestiziertes Vieh) zu züchten. Beispielsweise wurde die wilde Senfpflanze selektiv gezüchtet, um Pflanzen zu kultivieren, die wir heute als Kohlrabi, Grünkohl, Broccoli, Rosenkohl, Weißkohl und Blumenkohl genießen (2). Die selektive Zucht von Wassertieren wird auf ähnliche Weise durchgeführt, nur eben im Wasser. In der Aquakultur werden bei der Auswahl des Brutstocks beispielsweise Gesichtspunkte wie Wachstumsrate, Resistenz gegen Krankheiten und physische Charakteristiken, wie Größe und Fleischertrag, berücksichtigt. Sobald der Brutstock mit den bevorzugten Charakteristiken ausgewählt ist, wird er unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet. Lassen Sie uns drei Beispiele anschauen: Atlantischer Lachs, Garnelen und Buntbarsch.

Atlantischer Lachs: Eier des weiblichen Brutstocks werden in der Brutanlage mit der Fischmilch (Samenflüssigkeit) des männlichen Brutstocks befruchtet. Eier und Milch werden durch den Prozess der „Abtragung“ entnommen. „Zertifizierte Aquakultur“ gibt strenge Richtlinien vor, um die Gesundheit und artgerechte Haltung des Brutstocks des Atlantischen Lachses während des Abtragungsprozesses zu gewährleisten. Wenn das Tier aus dem befruchteten Ei schlüpft (nach ca. 3 Monaten) wird es Dottersackbrut (Alevin-Stadium) genannt, da es sich von seinem eigenen Eidotter ernährt. Die Dottersackbrut wächst heran zum Brütling (Fry-Stadium), der dann Fischfutter fressen kann. Wenn der Brütling wächst, wird er zum Buntlachs (Parr-Stadium) und schließlich wird daraus der Silberlachs (junger Lachs, Smolt-Stadium), der in die Salzwasser-Abwachsanlage überführt werden kann. Von der Befruchtung bis hin zur Überführung ins Meer dauert es 12-18 Monate und der ganze Zyklus von der Brut bis zur Ernte ungefähr 3 Jahre.

Garnelen: Für die Brutanlagen stehen 3 Arten von Brutstock zur Verfügung: Wildfang, Brutstock aus Garnelen-Abwachsanlagen oder aus für Brutstock bestimmte Zuchtanlagen. „Zertifizierte Aquakultur“ erlaubt zwar Wildfang von Brutstock, es müssen aber strenge Standards eingehalten werden, um sicherzugehen, dass er von nachhaltigen Fischereien stammt und keine ansteckenden Krankheiten hat (3). Um die Reifung des weiblichen Brutstocks einzuleiten, wird ein „Abtragungsprozess“ durchgeführt. „Zertifizierte Aquakultur“ bietet Richtlinien für die Gesundheit und artgerechte Haltung bei dieser Praxis. Wenn sie geschlüpft sind, dauert es 26-31 Tage, bis die Garnelen sich so weit entwickelt haben, dass sie in die Abwachsanlagen überführt werden können (4). Sie durchlaufen während dieser Zeit einige Entwicklungsstadien, vom befruchteten Ei, bis hin zur Larve (Postlarve). Bei Larven dauert es zusätzliche 3,5 bis 6 Monate, bis sie eine erntereife Größe erreichen.

Buntbarsch: Buntbarsche sind asynchrone Brüter, d.h., dass das Verhältnis von weiblichem und männlichem Brutstock 4 zu 1 betragen kann. Ein weiteres einzigartiges Merkmal des Buntbarsches ist, dass die befruchteten Eier im Maul des Muttertieres ausgebrütet werden, weswegen sie auch „maternale Maulbrüter“ genannt werden. Buntbarsche können zwar künstlich gezüchtet werden (durch Abtragung), aber meistens wird männlicher und weiblicher Brutstock in Teichen oder dafür bestimmten Bruttanks gezüchtet. Nach dem Eierlegen nimmt das Weibchen die befruchteten Eier in das Maul auf. Diese Eier können dann entweder der Brutanlage entnommen und in speziell dafür angefertigten Inkubatoren bebrütet werden oder natürlich bebrütet und erst entnommen werden, wenn sie sich im Brütling-Stadium befinden. In jedem Fall werden sie mit speziellem Futtermittel gefüttert (3-4 Wochen lang), um die Geschlechtsumkehrung anzuregen, damit es einen möglichst hohen Anteil an Männchen gibt. Danach verbringt der Buntbarsch 2-3 Monate in einer Aufzuchtanlage, wo er sich zum Sämling entwickelt, bevor er dann in die Abwachsanlage überführt wird (5-6 Monate) (5).

Für verantwortungsbewusste Aquakultur ist es wichtig, dass die Brutanlagen gut genährte, einwandfrei entwickelte und gesunde Junglachse (Atlantische Lachse), Larven (Garnelen) oder Sämlinge (Buntbarsche) produzieren. „Zertifizierte Aquakultur“ stellt dafür Richtlinien hinsichtlich Futtermittel, Gesundheit und artgerechter Haltung, tierärztlichen Gesundheitsplänen und Umwelt- und sozialen Belangen zur Verfügung.

(1) FAO; (2) https://global.britannica.com/plant/broccoli; (3) 160201_GG_IFA_CPCC_AB_V5_0-1_en; (4) FAO; (5) FAO;