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Aquakultur in Deutschland

In unserer Sparte „Aquakultur Weltweit“ erhalten Sie Einblicke in die verschiedenen Aquakulturformen auf der ganzen Welt. Aber wie sieht es eigentlich mit deutscher Aquakultur aus? Frau Dr. Birgit Schmidt-Puckhaber von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG e.V.) stand uns zu diesem Thema Rede und Antwort: sie ist Projektleiterin für Aquakultur bei der DLG und führt mit ihrer Familie einen Fischzuchtbetrieb.

 

Mehr zu Aquakultur in der DLG erfahren Sie hier:

www.dlg.org/aquakultur

 

 

GGN.ORG: Können Sie uns einen kurzen Überblick geben über die Aquakultur in Deutschland: Welche Formen (Art der Anlage) und Fischarten sind die Häufigsten?

Dr. Birgit Schmidt-Puckhaber: Aquakultur in Deutschland wird durch die klassische Teichwirtschaft dominiert. Teichwirtschaft bedeutet, eine natürliche Wasserquelle für fischereiliche Zwecke nutzen zu dürfen, dies bedarf einer wasserrechtlichen Genehmigung. Teiche sind ablassbare Gewässerkörper im Gegensatz zu Seen, die nicht entleert und wieder gefüllt werden können. Wir unterscheiden Warmwasser- und Kaltwasserteichwirtschaft nach den Fischarten, die in diesen Gewässern gezüchtet werden. Die Warmwasserteiche (Karpfen u.a.) haben einen geringen Wasserdurchfluss, eine höhere Temperatur und sind in erster Linie für die Karpfenartigen und deren Beifische (Schleie, Zander, Welse, …) in Nutzung. Die Forellenartigen Fische (Forellen u.a.) lieben dagegen kühles, fließendes, klares Wasser. Daher haben Kaltwasserteiche oft eine längliche Form, einen hohen Wasserdurchsatz und kaltes, klares Wasser. Beide Teichsysteme nutzen das Wasser zur Fischerzeugung und führen es dann zurück in das natürliche Wassersystem (Bach, Fluss).

Im Gegensatz zur Teichwirtschaft wird das genutzte Wasser in sogenannten Kreislaufanlagen in speziellen Filtern gereinigt, wiederverwendet und die Anlagen verbrauchen dadurch nur einen Bruchteil des Wassers einer Teichanlage. Allerdings werden Wärme und Strom für die Aufzucht und Wasserreinigung solch einer Kreislaufanlage benötigt. In Kreislaufanlagen werden Welse, Störe, Aale aber auch Garnelen gezüchtet. Die Anzahl der Betriebe, die 2015 im Haupterwerb Fische in Aquakultur erzeugt haben, liegt bei ca. 3.600, davon sind die meisten Warmwasserteichwirtschaften (2.100), gefolgt von den Kaltwasserteichwirtschaften (1.450) und lediglich 50 Kreislaufanlagen.

 

GGN.ORG: Wo steht die Aquakultur in Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich?

BSP: Wir können stolz auf unsere Fischzüchter und die traditionelle Teichwirtschaft sein, spielen aber im europäischen und internationalen Bereich nur eine untergeordnete Rolle. Die deutsche Aquakultur erzeugte im Jahr 2015 zwar 21.000 t Fisch, kann aber die Nachfrage an Fisch und Meeresfrüchten hierzulande nicht im Ansatz decken. Wir sind ein absolutes Importland in Sachen Fisch. Die Karpfen und Forellenproduktion in Deutschland stagniert seit Jahren, nur die Fischproduktion in Kreislaufanlagen zeigt stetigen Zuwachs.

 

GGN.ORG: Gibt es einen typisch „deutschen“ Fisch, dessen Zucht eine lange Tradition hierzulande hat?

BSP: Ja, den gibt es. Auch wenn wir nicht mit hohen Produktionszahlen brillieren können, ist die Fischzucht in Deutschland ein Stück Kulturgut und besonders die Karpfenzucht hat in Deutschland eine lange Tradition, prägt in einigen Regionen das Landschaftsbild und ist auch aus der Gastronomie nicht wegzudenken. Wer einmal einen leckeren fränkischen, gebackenen Karpfen gegessen hat, wird dies nicht wieder vergessen. Die Hauptzuchtgebiete sind in Sachsen und Bayern anzutreffen.

 

GGN.ORG: Wie viele zertifizierte Aquakulturanlagen gibt es in Deutschland?

BSP: Die deutschen Fischzuchtbetriebe tragen kaum Zertifikate, die Biofischerzeugung liegt bei unter 2 % aller Fischzuchtbetriebe und auch das GGN oder ASC Label breiten sich nicht so aus, wie in anderen Erzeugerländern. Das liegt daran, dass in Deutschland überwiegend Familienbetriebe Fisch erzeugen und diesen direkt vermarkten: Regionalität statt Zertifikat. Es gibt nur einige wenige Fischzuchten, die an Großhandelspartner verkaufen, die eine Zertifizierung fordern.

 

GGN.ORG: Wo sehen Sie Potenziale für die Zukunft? Was denken Sie z.B. über die „Garnele aus Deutschland“?

BSP: Chancen, mit Fisch Geld zu verdienen, sehe ich in erster Linie da, wo dem Produkt eine Besonderheit, eine Story, mitgegeben wird. Das kann ein Qualitätsmerkmal sein, eine besondere Herstellungs- oder Verkaufsart oder ein fantastischer Ort, wo Fisch kaufen zum Erlebnis wird.

Die frische Garnele aus Deutschland ist so ein Erlebnis. Jeder kennt die TK-Garnelen und der Verbraucher liebt sie in vielfältigen Zubereitungsformen. Eine frische Garnele aus einer gut geführten Salzwassergarnelenfarm ist geschmacklich ein komplett anderes Produkt und ja, köstlich – also ein echtes Geschmackserlebnis. Erfolgreich kann dieses Modell meiner Meinung nach allerdings nur sein, wenn es bei wenigen Farmen bleibt, damit der Preis von ca. 50 € pro Kilo gehalten werden kann.

 

GGN.ORG: Deutschland importiert rund 80% des inländischen Bedarfs an Fisch und Meeresfrüchten. Welche Wachstumschancen sehen Sie im deutschen Markt zum Beispiel für die Bedienung des nationalen Bedarfs an Fisch und Meeresfrüchten?

BSP: Regionalität ist eine Chance. Hier kann ich nur wieder auf die Herausforderung hinweisen, die Kunden und Gastronomen vor der eigenen Haustür von den eigenen Produkten zu überzeugen und auch den Lebensmitteleinzelhandel am Platze mit einzubeziehen. Am großen Rad zu drehen und Ware zu Weltmarktkonditionen anbieten zu können, wird deutschen Fischzüchtern nicht gelingen können.

 

GGN.ORG: Achten Sie beim Fischkauf selbst auf Label und wenn ja, welche Faktoren beeinflussen Ihre Wahl?

BSP: Ich persönlich achte wenig auf Label und kaufe nicht Label gesteuert. Ich informiere mich allerdings gerne über Standards und Zertifikate. Die Möglichkeit, auf der Verpackung einen Code zu haben, der mich zu der Farm führt, wo der Fisch aufgewachsen ist, finde ich großartig.

 

GGN.ORG: Welchen Fisch essen Sie am Liebsten und wie bereiten Sie ihn zu?

BSP: Frisches Barschfilet bei uns aus dem Selenter See in Schleswig-Holstein, nur in Butter geschwenkt mit gerösteten Mandelblättern ist für uns das Größte!